Die Brücke nach Terabithia 2

  • Prolog



    Jess stand an der Stelle des kleinen Flusses an der er immer stand, wenn er sich an Leslie erinnerte. Und wie immer liefen ihm Tränen übers Gesicht, Tränen für die er sich aber nicht schämte. Ein kleines Stück weiter war die Brücke die er für May-Belle gebaut hatte und die sie schon so oft in das Märchenreich Terabithia gebracht hatte. Und immer wenn sie aus dem Fantasiereich zurückgekehrt waren, war sein Blick auf jene Stelle gefallen, die zwei Leben für immer geändert hatte. Immer wieder hatten ihm alle seine Verwandten, Bekannten, Nachbarn und Mitschüler gesagt, daß er keine Schuld an Leslies Tod hatte, aber tief in seinem Innern wußte er genau, daß das nicht stimmte. Es war ganz einfach. Er hatte sie verraten, als er mit Ms. Edmunds einfach nach Washington gefahren war in dieses Museum. Als er damals im Vorbeifahren auf ihr Fenster geschaut hatte, wußte er daß er wenigstens seiner besten Freundin Bescheid hätte geben müssen. Jess hatte es nicht getan, er war viel zu verliebt in seine Lehrerin gewesen und alles andere beiseite geschoben. Deshalb hatte Leslie so sinnlos sterben müssen. Weil er nicht dagewesen war, weil er niemanden Bescheid gegeben hatte, wo er war. Deshalb war Leslie allein in den Wald gegangen, hatte wie immer sich das Seil gegriffen, um in ihr eigenes gemeinsames Reich zu reisen. Aber er war nicht dort gewesen, niemand war dort gewesen, niemand hörte wie das Seil riss, niemand hörte ihren überraschten Schrei. Und niemand rettete sie. Leslie starb alleine an der Schwelle zu Terabithia, wo er an ihrer Seite hätte stehen müssen.


    Jess Aarons wandte sich ab und ging langsam in Richtung Zuhause. Er wußte, daß er nicht mehr hierher kommen würde. Die Schuldgefühle drohten ihn jedesmal zu übermannen. Und sie wurden schlimmer, je öfter
    er mit Mary-Belle hierher kam. Wahrscheinlich war es das beste, Terabithia zu verlassen und seiner kleinen Schwester zu überlassen. Das Beste für ihn sicher, durch die Brücke war es einfach und sicher jetzt nach Terabithia zu gelangen. Aber es tat so unglaublich weh und er fühlte sich, als hätte er Leslie ein zweites Mal verraten. Nein, Terabithia war ihr gemeinsamer Traum gewesen und er war es ihr, sich selbst und auch Mary-Belle schuldig, weiter hierher zu kommen. Der Schmerz war nur ein kleiner Preis, den er zahlen würden. Leslie hatte wesentlich mehr bezahlt.


    Bevor er nach Hause ging, machte er wie immer einen kleinen Umweg und betrat das alte Haus von Lesie. Seitdem die Eltern seiner Freundin weggegangen waren, stand es leer. Jess kam öfter hierher, die Türen waren nicht verschlossen und es war so himmlisch ruhig hier. Er ging in den Raum den er mit ihr angemalt hatte und erinnerte sich daran, wie glücklich sie beide damals gewesen waren. Es war für ihn etwas völlig neues gewesen, so mit Erwachsenen was zu machen und es war die pure Freude gewesen, Leslie zu beobachten und die Liebe zu spüren, die sie und ihre Eltern verband. Der goldene Raum. Jess kam oft hierher,
    machte Hausaufgaben, lernte und ab und zu ertappte er sich, wie er mit Leslie sprach. Dann verstummte er und verließ eilig das Haus. So war es immer. Nur heute nicht. Etwas war anders. Fremd. Und neu.