AnnaSophia schaltete hoch, gab Gas, dass die Reifen quietschten und raste über den Parkplatz, Richtung Ausfahrt. Nachdem wir durch Tera mitgeteilt bekommen hatten, dass sie keinen wieder stand mehr leisten konnten, hatten wir nicht mehr länger nach Helikopter, Domi und Mufuß Ausschau gehalten, sondern uns einfach Teras Wagen geschnappt, der einige Autos weiter fein säuberlich auf einem Besucherparkplatz stand.
Da ich wegen meiner verletzten Schulter in meiner Bewegungsfreiheit und Geschwindigkeit stark eingeschränkt war, hatte ich AnnaSophia dazu überredet, die teure Karosse zu steuern und hatte mich selbst auf den Beifahrersitz gesetzt. Timm und Dave waren zurückgeblieben, um uns weiteren Vorsprung zu ermöglichen. Das war auf der einen Seite gut, da unsere Verfolger nun schnell aufholen würden, andererseits waren wir jetzt nur noch zu zweit.
AnnaSophia riss den Wagen um ein geparktes Auto herum. Vor ihr lag die Ausfahrtstraße.
Sie schaltete runter, trat das Gaspedal durch und bretterte mit qualmenden Rädern auf die Straße.
Wir fuhren mit dem Wagen quer durch Denver. Schon nach wenigen Kreuzungen fiel mir ein Mustang ins Auge, der uns auf auffälligste Weiße folgte.
„Siehst du den Mustang?“ fragte ich nebenbei und schaltete das Radio an.
„Der Graue hinter uns?“
AnnaSophia warf einen Blick in den Rückspiegel und zog eine Augenbraue hoch.
„Genau. Vom Stil her erinnern mich die Kerle irgendwie alle an Li’s Schläger.“
„Du spinnst.“
„Ich gebs ja zu.“
„Was machen wir jetzt mit dem Mustang?“
„Abhängen würde sich irgendwie anbieten, oder?“
„Irgendwie schon, ja.“ Stimmte AnnaSophia zu, dann trat sie das Gaspedal durch. Der Wagen reagierte sofort mit quietschenden Reifen und AnnaSophia und ich wurden in die Sitze gedrückt.
„Yeeeeeeehaaaaa! Jetzt geben wir mal richtig Gummi!“
„AnnaSophia, bist du krank?“ fragte ich. So geschwindigkeitsbegeistert hatte ich sie noch nie erlebt.
„Ne, mir geht es bestens.“
AnnaSophia folgte der Straße und fuhr Richtung Stadtinneres. Die Straße war frei und sie gab ordentlich Gas, unser Verfolger hielt mühelos mit und näherte sich langsam. Den Mustang abzuhängen wäre keine große Herausforderung gewesen. Wir fuhren gerade einmal 200, mit vollem Gas und Nitro, das sicher irgendwo versteckt war, hätten wir den Typ mit Leichtigkeit abgehängt.
„Wieso hängst du ihn nicht ab? Die Straßen sind leer gefegt.“
„Als ob du auch immer gleich zur Sache kommen würdest. Dann hat das ganze gar keinen Reiz mehr!“
„Ich mein ja nur.“ Antwortete ich und zog wegen ihrer Anspielung eine Grimasse.
„Wir können auch anhalten. Soll ich?“
„NEIN!“
Wir erreichten die Stadt und sofort wurde der Verkehr dichter.
„Mal gucken, was seine Präzision sagt.“
„Seine was?“
„Fest halten.“
AnnaSophia riss das Lenkrad nach rechts, ging vom Gas und zog die Handbremse. Der Wagen lenkte sofort, das Heck brach aus und wir rasten auf der Gegenfahrbahn in die Straße.
„Mann! Mit zwei Tonnen kannst du doch nicht solche Manöver fahren!“ rief ich und AnnaSophia musste grinsen.
„Machst du auch.“
„Was hast du als nächstes vor?“
„Weiß nicht. Vielleicht rasen wir unter einem LKW durch, überfahren eine rote Ampel und geraten in den Kreuzungsverkehr.“
Ich drehte das Radio auf.
„Rock’n’Roll.“ Stellte ich trocken fest.
„Das Zeug kommt schon die ganze Woche.“
„Nicht so mein Geschmack.“ Gab ich zu.
„Hm, schalt mal um.“
Zwischen den beiden Fahrbahnen tauchten jetzt Beete mit jungen Bäumen auf. Als links eine Seitenstraße auftauchte, riss AnnaSophia ohne Vorwarnung den Wagen um die Kurve und raste quer über die Kreuzung weiter. Unser Verfolger folgte uns, allerdings brach sein Heck aus, die Hinterräder ackerten durch das Beet und der Wagen riss den nächsten Baum um.
„Der Kerl hätte sich ein anderes Auto kaufen sollen.“ Bemerkte ich und schaltete zum nächsten Radiosender.
„Ist doch schick.“
„Schick schon. Aber miserables Handling. So, wie der durch das Beet geleiert ist, eignet es sich eher zum Gärtnern, als zum Fahren.“
AnnaSophia ging vom Gas und ließ den Wagen rollen, bis unser Verfolger wieder aufgeholt hatte.
„Bis jetzt haben wir keinen Kratzer.“ Stelle ich zufrieden fest, gleichzeitig überholte AnnaSophia einen Bus auf der Gegenfahrbahn, wobei wir nur knapp ein entgegenkommendes Auto verfehlten.
„Ich hoffe, das bleibt so. Hörst du das? Da kommen Polizeiautos.“
„Solange die nicht hinter uns her sind.“
Hinter dem Mustang rasten zwei Streifenwagen um die Kurve und holten ihn ein.
„Schau. Die kümmern sich um unseren Kumpel.“
„Zum Glück. Dann bleibt Teras Wagen ganz.“
Im Rückspiegel beobachtete ich, wie die Polizeiautos den Mustang links und rechts überholten und sich neben ihn setzten.
Der Mustang riss nach links, rammte das Polizeiauto und der Wagen schoss quer über die Straße, nahm ein Straßenschild mit, durchbrach die Eingangstür eines Hochhauses und verschwand im Treppenhaus.
„Zu Früh gefreut.“ Murmelte ich und blickt ein den rechten Außenspiegel. Der Mustang riss nach rechts, der Streifenwagen wurde wie eine Kugel weggeschubst und raste über die Laderampe eines LKW, der am Rand stand, in den Laderaum.
„Hast du das gesehen? Der Kerl ist gut!“
„Ja. Der locht die Polizeiautos ein, wie andere Billardkugeln.“
Eine Kreuzung kam auf uns zu, AnnaSophia beschleunigte und raste durch den Querverkehr. Der Mustang folgte ihrem Beispiel, erwischte einen PKW am Heck, riss ihn einige Meter mit sich und schob ihn auf den Fußgänger weg.
„E35, kannst du mich hören? Hier sind Domi und Mufuß.“ Meldete sich jemand über Funk. Im Hintergrund knatterte ein Rotor.
„Wo wart ihr, verdammt?“
„Wir haben getankt. Du hättest das Gesicht des Tankstellenbesitzers sehen sollen.“ Lachte Mufuß.
„Einfach göttlich.“ stimmte Domi zu und lachte laut.
„Wo seid ihr jetzt?“
„Wir sind über euch. Wenn ihr ein Funkgerät zur Hand habt, schaltet auf den Polizeikanal, damit ihr wisst, was auf euch zu kommt. Von hier oben guckt es aus, als würden die in etwa einem Kilometer eine Straßensperre aufstellen. Ach ja, und hinter euch ist ein zweites Verfolgerauto aufgetaucht.“
Kaum hatte Domi das gesagt, schoben sich links und rechts die beiden Wagen an uns vorbei und blieben dann mit uns auf einer Höhe.
„Was haben die vor?“ fragte AnnaSophia und winkte dem rechten Fahrer mit freundlichem Lächeln zu.
„Keine Ahnung, aber ich vermute nichts Gutes.“
Die beiden Wagen nahmen Abstand zu uns und ich wusste sofort, was als nächstes passieren würde.
„Die wollen uns rammen!“ fluchte ich und AnnaSophia trat auf das Gaspedal. Die Autos lenkten wieder in unsere Richtung und beschleunigten ebenfalls, AnnaSophia trat das Pedal bis zum Anschlag und wir sausten zwischen den Verfolgerwagen durch. Die Fahrer konnten nicht mehr reagieren, sie rammten sich gegenseitig und Seitenspiegel und andere diverse Kleinteile flogen durch die Luft, als die Wagen seitlich gegeneinander donnerten.
„Die wollen Teras Wagen ruinieren!“ schimpfte ich entrüstet.
„E35, such bitte das Funkgerät und schalte auf den Polizeifunk.“
„Wo?“
„Keine Ahnung. Vielleicht im Handschuhfach. Tera hat bestimmt so ein Teil.“
Ich durchwühlte das Handschuhfach, brachte diverse Straßenkarten, Kabel, ein Touchscreen-Navi, Sonnenbrillen und mehr zum Vorschein.
„Himmel! Was will Tera mit dem ganzen Zeug? Und warum hat er lauter Straßenkarten, wenn er ein Navi hat? Und warum ist in den Knirps ein Gewehrlauf eingebaut?“
„Keine Ahnung. Da musst du Tera fragen. Such weiter.“
Wir rasten die Straße entlang, die beiden Mustangs saß uns immer noch im Rücken. Am Ende der Straße blinkten viele blaue und rote Lichter. Als wir näher ran kamen, erkannte ich die Straßensperre.
„Scheiße!“ murmelte ich.
„Was?“
„Straßensperre!“
„Uaa! Festhalten!“
Die Wand aus Polizeiautos kam immer näher. Vor den Streifenwagen konnte ich am Boden Nagelbänder erkennen. Kurz vor den Reifenkillern ging AnnaSophia vom Gas, zog die Handbremse und riss das Lenkrad herum. Der Wagen brach aus und die Hinterräder hinterließen während der 180°-Wendung eine dampfende kreisrunde Gummispur auf dem Asphalt, dann gab sie wieder Gas und raste in entgegen gesetzter Richtung am ersten Mustang vorbei. Im Rückspiegel sahen wir, wie sich unser erster Verfolger mit einer Notbremsung quer stellte und die Reifen durch die Krähenfüße explodierten, dann Seitlich in die Straßensperre knallte und eine Rolle über einen der Polizeiwagen machte. Der zweite Verfolger reagierte früher als sein Kollege, wendete ebenfalls mit einer Vollbremsung und holte wieder auf.
„Ich dachte, du würdest einfach durchrasen.“ Japste ich und suchte das Funkgerät, das mit bei der Karusselfahrt aus der Hand geflogen war.
„Was meinst du, was Tera mit mir macht, wenn ich seinen Wagen beschädige?“
„Er würde dich umbringen.“
„Wahrscheinlich noch zu harmlos. Hast du das Funkgerät?“
„Ich hatte es.“
„Das heißt genau WAS?“
„Dass heißt, dass es jetzt irgendwo in diesem Wagen herum flieg.“
(Fortstezung folgt

)